38640 Goslar
Klapperhagen 1
Tel. 05321 / 25 88 9
Fax 05321 / 33 97 88
 
HISTORISCHES
ZINNFIGUREN
M  U  S  E  U  M
G  O  S  L  A  R
 
Zinnfiguren, Zinnfigurenmuseum, Zinn, Goslar, historisch, Zinnfiguren-Museum, Museum,Sonderausstellung, Kindergeburtstag, Kindergeburtstage, Sonderausstellungen
 
Neue Wernigeröder Zeitung vom 03.09.2008

Geschichte und Geschichten in Zinn

Weltkulturerbe Goslar:

Besuch in einem der schönsten Zinnfigurenmuseen in Deutschland

 
Das Zinnfiguren-Museum, 1984 durch den „Förderkreis Goslarer Zinnfiguren-Museum e.V.“ mit seinem 1. Vorsitzenden Joachim Baensch gegründet und 1985 im „Weißen Schwan“ eröffnet, ist umgezogen. Es hat sein neues Domizil in der restaurierten, unter Denkmalschutz stehenden, Lohmühle am Klapperhagen bezogen. Das musste ich mir ansehen! Entlang am idyllischen Museumsufer habe ich es sofort gefunden.

 
Bild "presse_nwz01.jpg"

 
Die weit geöffnete Tür lädt mich ein, und augenblicklich kommt die Museumsleiterin Antje Baensch auf mich zu. Das Leuchten in ihren Augen verrät mir, dass mich hier etwas ganz besonderes erwartet.„Bitte schauen Sie…“Das lass` ich mir nicht zweimal sagen. „Das ist unsere Geburtstagstafel.“
Oh, da komme ich unpassend, denke ich noch, erfahre aber im gleichen Moment: Hier können Kindergruppen aus nah und fern ihre Geburtstage feiern. Das Geburtstagskind und seine Gäste dürfen dabei ihre eigenen Zinnfiguren gießen. Soll es ein Pferd, ein Dino, ein Elefant oder ein Einhorn sein? Alles ist möglich. Ich bin beeindruckt und überzeugt, dass solch einen originellen Geburtstag kein Kind jemals wieder vergessen wird. Doch das ist lange nicht alles – das Zinnfiguren-Museum ist ein wahres Kinderparadies. Eine Schau mit 30 Märchenszenen aus Zinn ist als Quiz gestaltet. Und die Spielfiguren sollen mit Hilfe moderner Technik erlebbar gemacht werden. Sogar ein Computerterminal für große und kleine Interessierte ist im Nebenraum zu bewundern. Wenn der Ofen mit dem Zinn bollert, dürfen die Kinder den Museumsleuten beim Gießen, Entgraten und Bemalen über die Schulter schauen. Mucksmäuschenstill sitzen sie auf ihren kleinen Stühlchen und staunen…
„Film ab“, heißt es täglich im Museumsfoyer. Ich erlebe von der Gründungszeit an bis ins heutige Zinnfigurenparadies alle Ereignisse hautnah und sehe zu, wie eine Zinnfigur entsteht. Vollauf begeistert erfahre ich, dass dem Goslarer Zinnfiguren-Museum im Jahre 2001 der „Museumspreis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung“ verliehen wurde.

 
Bild   Bild

 
Das haben sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die ihr Herzblut in jedes noch so kleines Figürchen legen, redlich verdient. Allen voran der Gründer des Förderkreises Joachim Baensch mit seinem ausgeklügelten Konzept, das geschichtsträchtige Goslar anhand anschaulicher Zinnfigurenkunst aufzuzeigen.
Am Anfang waren seine Idee und die Planung. Es folgten erste Leihgaben, meisterliches Können, immense Eigeninitiativen, Konzeptionen sowie unendlich viel ehrenamtliche Arbeit. Auch der Leidenschaft von Wolfgang Frank ist es zu verdanken, dass die rund 15000 Zinnfiguren auf verschiedenste Weise in 80 anschaulichen – teilweise selbstgefertigten – Dioramen dargestellt sind. Dieses kulturelle Prachtstück wird von der Stadt Goslar unterstützt. Welch ein Segen! So macht die Aktion noch mehr Freude. Ich lerne das Multitalent Herrn Tuchenhagen kennen, darf zusehen, wie er mit leichter Hand eine Zinnfigur bemalt. Später treffen wir uns am Eingang im Museumsshop wieder, wo er eben die Flachfigur „Butterhanne“ verkauft. Dann zeigt er mir eine Bücherecke zur Zinnfigurenthematik. Sogar eine eigene Zeitung hat die Zunft: „Die Zinnfigur“, Monatszeitschrift der deutschen Gesellschaft der Freunde und Sammler kulturhistorischer Zinnfiguren.

 
Bild   Bild


 
Antje Baensch, eine engagierte Frau, die mit viel Herz dieses aufwendige Museum im Ehrenamt leitet, nimmt mich mit in den ersten Stock, wo ich meinen Rundgang durch die 1000jährige Goslar-Geschichte beginnen darf. Da fallen mir die Worte des Dichters Joachim Ringelnatz ein: „Die Zinnfiguren sind Verbindung zwischen Kunst und Kind, sie schildern alle Zeiten…“ Genauso ist es: Alle Zeiten und ein prachtvolles Ambiente erwarten mich in der ersten Etage: Das kaiserliche Goslar mit seinen Herrschern des 10. bis 12. Jahrhunderts als großartige Bedeutung für die Harzstadt. Vor allem durch die Silberfunde am Rammelsberg im Jahre 968 verlagern sich die Interessen der deutschen Kaiser immer mehr nach Goslar. Der Rammelsberg mit seinem berühmten Bergbau und seiner wechselvollen Geschichte wurde zum Weltschlager. Die eigens für die Neueröffnung handgetischlerten Dioramen zeigen in historischen Bildern die Bergwerkslegende von der Blütezeit im 16.Jahrhundert bis zur Schließung im Jahre 1988. Vier Jahre später wurde das Erzbergwerk Rammelsberg mit seiner Kulturlandschaft als erstes deutsches Industriedenkmal und die durch Bergbau geprägte Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.
Das Museum birgt insgesamt 20 Darstellungen zum Bergbau und 50 Dioramen zur 1000jährigen Historie der Stadt. Sogar das Glockenspiel, das neben Bergmannszenen die Sage der Erzauffindung des Pferdes von Ritter Ramm zeigt, ist als Exponat vertreten.

Beachtlich auch das kirchliche Goslar, für das Kaiser Heinrich III. im 11. Jahrhundert 47 Kirchen, Klöster und Kapellen im Stadtgebiet entstehen ließ. Man sprach damals von der Gottesstadt und dem „Rom des Nordens“.
Nicht weniger faszinierend präsentieren sich das bürgerliche Goslar mit einem der eindruckvollsten Fachwerkhäuser, das „Brusttuch“, das reich an Schmuckornamenten und Schnitzereien ist, und die prickelnde Figur der „Butterhanne“. Den Spruch, der der fleißigen Bauersfrau gewidmet ist: “Mit der linken Hand, da buttert sie, die rechte am Gesäße, so macht man hierzulande den guten Harzer Käse“, kennt ein jeder Bürger.
Kopfschüttelnd stehe ich vor der Vitrine, die die Sage der Goslarer Grenzziehung durch einen Ochsen um 1552 offenbart. Als Goslar durch den Riechenberger Vertrag mit dem Verlust der Wälder gedroht wurde, wollte Herzog Heinrich der Stadt so viel Waldfläche zugestehen, wie ein Ochse von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang umlaufen kann. Durch diesen „Schandvertrag“ kam es zum Verlust des Rammelsbergs.

 
Bild   Bild

 
Das „Breite Tor“ dient zum Schutz der Stadtbevölkerung, dem bürgerlichen Eigentum und der städtischen Freiheit. So wurden Städte im Mittelalter mit Graben- und Wallanlagen eingefasst und mit monströsen turmreichen Mauern umzogen. Die Befestigungsanlage, die die Goslarer vor Übergriffen schützen sollte, war ein wichtiger Abschnitt in Goslars Stadtgeschichte.
Handwerk hat goldenen Boden. Die Menschen zeigten sich geschickt beim Häuserbau an der Abzucht, die zum Antrieb zahlloser Mühlen diente, und an der Gose, die wiederum die Stadt mit Trinkwasser versorgte.
Im zweiten Stockwerk besticht neben der fesselnden Bergwerksgeschichte die hochkarätige Sammlung „Der 30jährige Krieg“. Diese meisterhafte Ausstattung zu besuchen, ist ein Muss im Zinnfigurenland. Der legendäre General Tilly auf dem Wege zur Schlacht bei Lutter am Barenberge wird im Großdiorama mit 2100 Figuren greifbar nah vorgeführt. Einerseits ist die Zinnfigurenvitrine ein exzellentes Medium, um die Situation perfekt darzustellen, andererseits könnten die edlen Figuren Schrecken und Grauen dieses verheerenden Krieges auf deutschem Boden ein wenig verharmlosen. Es ist eben eine Gratwanderung…Ein schweres Leben führten auch die Marketenderinnen, die mit den kaiserlichen Truppen umherzogen, sie versorgten und ihnen medizinisch beistanden. Auch die Figur der „Mutter Courage“, als weltbekannte Marketenderin ist zu sehen.

 
Bild "presse_nwz05.jpg"

 
Zurzeit sind auf der zweiten Etage eine Sonderausstellung der Prozessionsstraße zu Babylon und der Turmbau zu Babel aus der Zeit des Königs Nebukadnezar II. zu bewundern. Im Hauptdioram setzen 602 Zinnfiguren den Betrachter in Erstaunen. Sie streifen eine Episode aus dem Jahre 575 vor unserer Zeitrechnung. In einem Nebendiorama kann man einen Bankettsaal, in dem die Gäste des Königs speisten und ihre Sklavinnen zur höchst erquicklichen Unterhaltung der hohen Herren beitrugen, betrachten.

Welche unglaubliche Vielfalt an faszinierender Zinnfigurenkunst, bemalten, gravierten Flachfiguren oder vollplastischen Statuetten dieses Museum behütet! Jedes Sammlerherz wird höher schlagen, und kein Besucher kann sich der Augenweide der filigranen Schönheit „Zinnfigur“ auf den zwei Stockwerken entziehen. Man muss wiederkommen!
Es gibt nichts, was sich nicht als Zinnfigur darstellen lässt. Selbst wenn es irgendeine Figur nicht geben sollte, kann sie noch gegossen, gelötet und bemalt werden. Man braucht nur Phantasie! Aus Phantasie entsteht alles Neue! Wechselnde Sonderschauen und eine Kabinettausstellung werden das stolze Projekt auf Lebenszeit spannend für jung und alt halten. Und nicht zuletzt unternimmt die ehrenamtliche Garde des Zinnfiguren-Museums alles dafür, dass der Besuch für jeden Gast ein unvergesslicher bleibt! Auch für mich. Ich sitze im Moment mit Frau Baensch bei einer Tasse Kaffe zusammen, notiere einiges und spüre dabei noch einmal der Harmonie des Zinnfigurenmuseums nach. Es ist unvergleichlich schön hier…
Das Zinnfiguren-Museum in der Lohmühle finden Sie am Museumsufer, Klapperhagen Nr.1 (zwischen Domvorhalle und Marktplatz). Es ist täglich (außer Monatgs) von 10 bis 17Uhr für kleine und große Besuchergeöffnet.